Mit Sprengwagen gegen die Hitze

Die rollenden Regenspender der Städte

Nach einem Sommer, in dem Europas Städte unter einer historischen Hitzewelle leiden und die Menschen über Kühlungskonzepte diskutieren, lohnt ein Blick zurück. Schon vor über hundert Jahren fuhren in deutschen Städten Fahrzeuge, deren Aufgabe genau darin bestand: Straßen bewässern, Staub binden und die aufgeheizte Stadt zumindest für kurze Zeit abkühlen. Sie hießen Sprengwagen. Der Begriff stammt nicht von „Sprengstoff“, sondern vom alten Wort „sprengen“ im Sinne von Wasser versprühen. Heute fast vergessen, spielten diese Fahrzeuge früher eine wichtige Rolle. Vom 19. bis ins 20. Jahrhundert wurden sie in vielen Städten eingesetzt. Sie sorgten für Abkühlung der aufgeheizten Straßenoberflächen – ein einfaches Mittel gegen die sommerliche Hitzebelastung im urbanen Raum, lange bevor es Klimaanlagen oder moderne Stadtbegrünung gab.

Die Entstehung einer kommunalen Fahrzeugklasse

Mit dem raschen Wachstum der Städte im 19. Jahrhundert nahm auch das Problem des Straßenstaubs zu. Die meisten Straßen waren damals noch nicht asphaltiert, sondern bestanden aus Kies, Schotter oder festgewalztem Naturboden. Pferdefuhrwerke wirbelten ständig Staub auf, der nicht nur unangenehm war, sondern auch als gesundheitsschädlich galt. Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts begannen zahlreiche Städte, regelmäßig Wasser auf die Fahrbahnen auszubringen. Zunächst geschah dies mit einfachen Fässern auf Pferdewagen. Bald entstanden speziell konstruierte Sprengwagen mit großen Wasserbehältern und verstellbaren Sprengrohren, die das Wasser gleichmäßig über die Fahrbahn verteilten. Die Besprengung diente mehreren Zwecken: Bindung von Straßenstaub, Verbesserung der Luftqualität, Verringerung der Schmutzentwicklung durch Pferdeverkehr, Kühlung aufgeheizter Straßen im Sommer.

Wie überall auf der Welt mussten Pferde als Zugtiere für Fahrzeuge herhalten, bevor die Motorisierung einsetzte. Auch die ersten Sprengwagen wurden von Pferden gezogen, wie hier in Seattle im US-Bundesstaat Washington an der Pazifikküste nahe der kanadischen Grenze. Der Kutscher konnte den Wasserstrahl von seinem Kutschbock aus regulieren. Das Foto stammt von Wikimedia Commons und wurde vom Museum of History & Industry in Seattle (Webster & Stevens Collection) zur Verfügung gestellt.
Diese Aufnahme stammt aus einem Touristenführer der Insel Malta aus dem Jahr 1920 und zeigt einen von einem Pferd gezogenen Sprengwagen, der durch einen Hydranten befüllt wird. Das Foto stammt von Wikimedia Commons und wurde von Lee Stuart Sherriff zur Verfügung gestellt.
Immer wenn im Sommer der Sprengwagen vorbeikam und sich Kinder in der Nähe aufhielten, hatten sie einen Grund zur Freude. Es war ein Riesenspaß, hinter dem Fahrzeug herzulaufen und sich vom kühlen Wasserstrahl bespritzen zu lassen. Das Foto von 1905 stammt von Wikipedia, der Urheber ist nicht bekannt.

Straßenbesprengung als Teil der Hygiene

Damals verstand man Straßenreinigung als wichtigen Bestandteil der öffentlichen Gesundheitsvorsorge. Besonders in trockenen Sommern wurden Hauptverkehrsstraßen mehrfach täglich bewässert. Ein eindrucksvolles Beispiel liefert Düsseldorf: Dort begann die regelmäßige Straßenbesprengung bereits 1871. In der Innenstadt wurden Straßen bei großer Hitze teilweise bis zu achtmal täglich besprengt.  

Von Pferdewagen zum motorisierten Sprengwagen

Die technische Entwicklung verlief in mehreren Stufen. Die ersten Fahrzeuge waren hölzerne oder eiserne Wasserfässer auf Fuhrwerken. Das Wasser floss entweder durch Schwerkraft oder wurde mit einfachen Pumpen verteilt. Ab den 1920er Jahren und besonders nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Sprengwagen zunehmend auf Lastwagenfahrgestellen aufgebaut. Typisch waren nun Tankvolumen von bis zu mehreren tausend Litern, Sprühbalken vorne und hinten am Fahrzeug, dazu seitliche Düsen, justierbare Wassermenge und ein Hydrantenanschluss zum schnellen Nachfüllen.

Mit den ersten Lastkraftwagen kamen auch motorisierte Sprengwagen zum Einsatz. Zum Personal gehörte in der Regel nicht nur der Fahrer, sondern auch eine weitere Person, die von einem erhöhten Arbeitsplatz aus den Wasserstrahl regulierte und ihn bei Bedarf an- und ausschaltete, beispielsweise um zu verhindern, dass Passanten nass wurden.
Diese Aufnahme zeigt einen benzinelektrischen Lkw der Marke FAUN mit Radnaben-Elektromotoren aus dem Jahr 1926. Der Aufbau des Sprengwagens für 3.500 Liter Wasser stammte von Kuka. Die Sprengfunktion konnte vom Fahrerhaus aus geregelt werden.
Auch der Aufbau dieses 5.000 Liter fassenden Sprengwagens stammte von Kuka. Zwischen dem Fahrerhaus und dem Tank befand sich der Arbeitsplatz der Person, die den Wasserstrahl regulierte. Als Basis diente ein Fünftonner der Marke Benz aus Gaggenau, Baujahr 1924.

Die “rollende Klimaanlage”

Neben der Staubbindung erfüllten Sprengwagen noch eine weitere Aufgabe. In heißen Sommern kühlten sie durch Verdunstung das Straßenpflaster und damit kurzfristig auch die Umgebungsluft. Besonders dicht bebaute Innenstädte profitierten davon. Viele ältere Zeitzeugen erinnern sich daran, wie Kinder dem Sprengwagen hinterherliefen und sich absichtlich von der Wasserfontäne treffen ließen. Der kühlende Effekt der Sprengung war zwar nur lokal und zeitlich begrenzt, wurde jedoch durchaus geschätzt.  

Ein beeindruckender kommunaler Aufwand

Die Straßenbesprengung war keineswegs eine seltene Maßnahme. Aus der Geschichte der Düsseldorfer Stadtreinigung ist bekannt: 1878 wurde der erste eiserne Sprengwagen angeschafft. 1900 verfügte der Fuhrpark bereits über 23 Sprengwagen und 1909 waren es 48 Fahrzeuge. Im außergewöhnlich heißen Sommer 1911 wurden an 172 Einsatztagen rund 340.000 Kubikmeter Wasser versprüht. Diese Zahlen zeigen, welch große Bedeutung der Straßenbewässerung damals beigemessen wurde.

Sprengwagen auf Schienen waren eher selten, aber es gab sie in verschiedenen europäischen Ländern und auch in den USA. Sie befuhren das Straßenbahnnetz mancher Städte und zeichneten sich durch ihre hohe Wasserkapazität aus. Das abgebildete Exemplar von 1914 wurde von der Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahnen AG betrieben und ist heute auf dem Gelände des Emschertal Museums in Herne ausgestellt. Das Foto stammt von Wikimedia Commons und wurde von Stefan Kunzmann zur Verfügung gestellt.

Sprengwagen auf Schienen

Eine heute fast vergessene Variante waren Sprengwagen der Straßenbahn. Sie fuhren nicht auf der Straße, sondern auf den Gleisen der Straßenbahnnetze. Wegen ihres größeren Fassungsvermögens konnten sie wesentlich mehr Wasser transportieren als Straßenfahrzeuge. Manche besaßen sogar elektrische Pumpen, mit denen Wasser bis zu 15 Meter weit versprüht werden konnte. Interessanterweise werden vereinzelt auch heute noch historische Straßenbahn-Sprengwagen modernisiert und eingesetzt. So baute die Rhein-Neckar-Verkehr 2023 einen ehemaligen Beiwagen zu einem Bewässerungsfahrzeug für Rasengleise um.

Diese Aufnahme zeigt einen Ford V 3000 S aus dem Jahr 1948, den ersten nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland hergestellten Lkw der US-amerikanischen Marke Ford. Hinter dem Fahrerhaus ist der Mann zu sehen, der von erhöhter Position aus darauf achtete, dass kein Wasserstrahl dort landete, wo er nicht willkommen war.
1936 führte Büssing-NAG das „neue Gesicht“ ein. Damit war ein verändertes Erscheinungsbild gemeint, das vor allem durch die Kühlermaske mit Querstreben in Wappenform auffiel. Der Sprengwagen vom Typ 5000 S stammte jedoch aus der Nachkriegszeit, was an den Haubenseitenteilen mit vorne bündigen Rippen in Flügelform erkennbar ist. Das Fahrzeug hatte eine Kühlermaske aus der Vorkriegszeit und einen Aufbau von Schörling aus Hannover.
Dieser Magirus-Deutz-Rundhauber mit luftgekühltem Motor, der ihm den Spitznamen „Heulboje” eintrug, war vermutlich auf Testfahrt und noch ohne Kennzeichen unterwegs, um alles nass zu machen, was ihm in die Quere kam. Der Fahrzeugtyp ist als S 5500 Saturn angegeben, der Sprengwagen-Aufbau stammte von Stadler aus Neu-Ulm. Aufnahmejahr: etwa 1957. 
Der Ford FK 3500 aus deutscher Produktion war in den 1950er Jahren ein weit verbreiteter 3,5-Tonner, der sich für viele Einsatzgebiete eignete. Der von der Firma Fahrzeugbau Haller aus Stuttgart-Feuerbach gelieferte Spezialaufbau als Tanklöschfahrzeug mit vorgebauter Löschpumpe war zusätzlich mit einer Einrichtung zur Straßenbewässerung ausgestattet. Das Fahrzeug gehörte zum Fuhrpark der Stadtverwaltung der türkischen Hauptstadt Ankara.
Der Škoda S 706 RT wurde als Sprengwagen mit Karosa-Aufbau von 1958 bis 1975 gebaut. In diesem Zeitraum änderte sich der Kühlergrill mehrfach. Bemerkenswert ist, dass der 7000 Liter fassende Kesselaufbau bei Bedarf gegen eine Pritsche ausgetauscht werden konnte.
Tovarna Automobilov in Motorjev (TAM) war eine 1946 gegründete Nutzfahrzeugmarke aus Slowenien. Das Land erlangte 1991 die Unabhängigkeit von Jugoslawien. Der Lkw vom Typ 5000 P wurde ab 1958 bei TAM unter Lizenz und mit Presswerkzeugen von Magirus-Deutz gebaut. Auch der Bau luftgekühlter Motoren der Marke Klöckner-Humboldt-Deutz erfolgte unter Lizenz. Der Aufbau als Straßensprengwagen erfolgte jedoch vermutlich in Eigenregie.
Diese Aufnahme von etwa 1960 stammt aus Hongkong, das bis 1997 britische Kronkolonie war. Anschließend erfolgte die Übergabe der Staatshoheit an die Volksrepublik China. Noch lange beherrschten britische Automobile und Nutzfahrzeuge das Straßenbild. Das Foto zeigt einen Lkw der Marke Commer mit QX-Fahrerhaus. Dieses Modell wurde etwa zwischen 1956 und 1962 gebaut. Vom Aufbau des Sprengwagens ist nicht viel zu erkennen, doch die erstaunten Blicke der Passanten zeugen davon, dass das Fahrzeug eine mittelgroße Sensation war, als es vorbeifuhr.
Auch in Moskau gab es Sprengwagen. Die stimmungsvolle Nachtaufnahme zeigt einen ZIS 150 mit Sprengwagen-Aufbau. Dieses Modell kann als Nachbau des US-amerikanischen International Harvester der Baureihe KB angesehen werden. Das Foto aus dem Jahr 1963 stammt von Wikimedia Commons, wurde von Nikolai Rakhmanov aufgenommen und vom Hauptarchiv von Moskau zur Verfügung gestellt.
Vor den typischen Wohnhäusern der Nachkriegszeit, die alles andere als architektonische Kleinode sind und fast jeder deutschen Stadt eine Portion trostloser Monotonie bescheren, kommt uns ein ein wohlgeformter Mercedes-Kurzhauber des Typs L 322 mit Kuka-Spezialaufbau als Sprengwagen in voller Aktion entgegen.

Weitere Einsatzmöglichkeiten

Sprengwagen waren vielseitiger als ihr Name vermuten lässt. Je nach Bedarf wurden sie verwendet als Tankfahrzeuge der Feuerwehr, Bewässerungsfahrzeuge für Parkanlagen und Baustellen und als Wasserlieferanten bei größeren Veranstaltungen. In kleineren Gemeinden erfüllte häufig ein einziges Fahrzeug mehrere dieser Aufgaben.

Warum verschwanden Sprengwagen?

Seit den 1960er- und 1970er-Jahren wurden klassische Sprengwagen zunehmend überflüssig. Dafür gab es mehrere Gründe: asphaltierte Straßen erzeugten deutlich weniger Staub, moderne Kehrmaschinen konnten sie ohne vorherige Bewässerung reinigen, Wasserverbrauch wurde kritischer bewertet und der Straßenverkehr verdichtete sich zusehends – langsame Sprengfahrzeuge begannen, den Verkehr zu behindern.

Heute existieren klassische Sprengwagen nur noch vereinzelt. Moderne Wasserwagen übernehmen stattdessen Spezialaufgaben wie die Bewässerung von Grünanlagen oder die Reinigung großer Verkehrsflächen.

Eine Magirus-Deutz-Sattelzugmaschine mit Allradantrieb und Tankauflieger war 1972 auf dem Münchner Olympiagelände im Einsatz, als dort die XX. Olympiade stattfand. Die Vorrichtung als Sprengwagen stammte von Kuka in Augsburg. Der Fahrzeugtyp ist mit 232 D15 FAS von 1971 angegeben.
Diese Aufnahme aus dem Jahr 2025 beweist, dass es in Europa noch Sprengwagen gibt, wenn auch vielleicht nicht der neuesten Bauart. Im südfranzösischen Arles findet jede Woche ein großer Markt statt, auf dem Produkte aus der Region angeboten werden. Sobald die Marktstände am Nachmittag ihr Geschäft beenden, kommen die Sprengwagen zum Einsatz. In kürzester Zeit kehren sie mit einem gezielten Wasserstrahl alle Überbleibsel des geschäftigen Treibens zusammen. Kurz darauf wird die Durchgangsstraße wieder für den Verkehr freigegeben. Der als Sprengwagen karossierte Renault ist ein Midliner der letzten Baureihe mit Viererclub-Fahrerhaus, der von 1996 bis 2000 gebaut und dann vom Midlum abgelöst wurde.
Zum Abschluss dieses spritzigen Artikels lassen wir es noch einmal richtig krachen. In China scheinen solche Sprühnebel-Kanonen keine Seltenheit zu sein. In diesem Fall dient ein vierachsiger Dongfeng als Basis. Das Foto aus dem Jahr 2025 stammt von Wikimedia Commons und wurde von Michael Beim zur Verfügung gestellt.

Ein aktueller Gedanke

Angesichts zunehmender Sommerhitze erwecken wasserbasierte Kühlmaßnahmen in Städten wieder Interesse. Zwar werden historische Sprengwagen nicht im ursprünglichen Umfang zurückkehren, doch moderne Wasserfahrzeuge werden mancherorts wieder eingesetzt, um Plätze, Straßen oder Bäume gezielt zu bewässern und lokale Hitzeinseln abzumildern. Der alte Sprengwagen erscheint damit rückblickend fast wie ein früher Vorläufer heutiger Klimaanpassungsmaßnahmen.

Fazit

Der Sprengwagen war weit mehr als ein kurioses Kommunalfahrzeug. Über nahezu ein Jahrhundert gehörte er zur unverzichtbaren Infrastruktur vieler Städte. Er verband Straßenpflege, Hygiene, Staubbekämpfung und sommerliche Kühlung in einem einzigen Fahrzeug. Mit dem Wandel des Straßenbaus und der Reinigungstechnik verschwand er weitgehend aus dem Stadtbild – geblieben ist jedoch ein interessantes Kapitel kommunaler Technikgeschichte, das heute angesichts neuer Herausforderungen durch Hitze und Trockenheit wieder überraschend aktuell wirkt.

Alle Fotos zu diesem Artikel stammen, sofern nicht anders angegeben, aus dem Archiv der Edition Diesel Queen. Das Titelbild wurde nachträglich koloriert.

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