Eine Kutschergeschichte

Aus dem Leben eines VOMAG-Fahrers

Der Autor dieses Beitrags, Klaus Schildkopf, ist seit Jahrzehnten ein bekanntes Mitglied der deutschen Nutzfahrzeug-Oldtimerszene. Schon in den 1990er Jahren war er auch Kunde der Edition Diesel Queen und gehörte zu den Lesern der ersten Stunde von Last&Kraft, zwei früheren Projekten von Steve St.Schmidt, der heute diese Website betreibt. Als Klaus Schildkopf kürzlich nach dem Besuch des Vomag-Treffens in Plauen mit Begeisterung unseren Artikel darüber las, kam ihm der Gedanke, selbst etwas zum Thema beizutragen. Denn er ist nicht zufällig mit der Marke verbunden. Seine Familiengeschichte ist untrennbar mit dem Straßengüterverkehr verknüpft, da auch sein Vater lange Jahre als Kraftfahrer tätig war. Hier ist sein Bericht über die Hintergründe:

Mein Onkel Fritz Schemm, der ältere Bruder meines Vaters, kam im März 1903 im sächsischen Unterheinsdorf bei Reichenbach im Vogtland zur Welt. Als seine Mutter heiratete, gelangte er mit acht Jahren ins 15 Kilometer entfernte Auerbach, wo er nach absolvierter Volksschule eine Lehre als Schmied antrat, die er im Frühjahr 1921 mit der Gesellenprüfung erfolgreich abschloss. Unmittelbar danach trat er in die Spedition Moritz Maul & Söhne in Auerbach ein, zunächst als Schmied und Kutscher. Das Unternehmen war gut situiert und betrieb neben zwei Lastkraftwagen der Marke VOMAG auch das örtliche Taxi und den Krankenwagen.

Zum motorisierten Fuhrpark der Spedition Moritz Maul & Söhne in Auerbach gehörten nicht nur zwei Lastwagen der Marke VOMAG, sondern auch einige kleinere Fahrzeuge wie das örtliche Taxi und der Krankenwagen. Für das Foto, das Ende der 1920er Jahre aufgenommen wurde, versammelte man auch das Fahrpersonal. Am Hauseingang sind zwei Kinder zu sehen: Fritz und Margarete Schemm.

Als seine Freundin Else schwanger wurde, konnte Fritz im Hinterhaus der Spedition zwei Räume ohne eigene Toilette beziehen und sein Chef schenkte ihm als Starthilfe ein Bett und einen Schrank. Ein Jahr nach der Geburt des kleinen Fritz heiratete das Paar im April 1924, einen Monat später kam Margarete zur Welt. Fritz und Else lebten ihr ganzes Leben in diesem Haus, wo sie auch die beiden Kinder großzogen. Erst um 1960 wurde die in einer dunklen Ecke der Fahrzeughalle untergebrachte Toilette durch sanitäre Einrichtungen innerhalb des Hauses ersetzt. Das war auch für mich eine Erleichterung, denn ich habe mich als kleines Kind sehr gefürchtet, wenn ich im Dunkeln auf dieses Klo musste – es roch nach Diesel, Öl und Schmierfett und manchmal gaben die noch warmen Lastwagen seltsam knackende Geräusche von sich. Viele Jahre lang hat Else mit einer großen Gabel im Speditionshof aufgehäufte Kohlen auf die Ladeflächen der Pferdefuhrwerke geschaufelt. Und den Aufenthalts- und Waschraum für die Fahrer hat sie bis zu ihrem 85. Lebensjahr geputzt.

Unterwegs in Bayern: die zwei VOMAG-Lkw der Firma Moritz Maul. Der hintere Lkw zog einen Anhänger, der mit einer Kabine für den Anhänger-Bremser ausgestattet war – das war bei Bergabfahrten unerlässlich.
Bis auf diese Werksaufnahme eines VOMAG 5 CZ der im Jahr 1928 an die Firma Maul geliefert wurde, sind alle anderen Fotos in diesem Beitrag Privatfotos.
Transporte waren damals sehr aufwendig und zeitraubend. Auf den unbefestigten Straßen war man hoch bepackt mit 10 bis 20 Stundenkilometern unterwegs. So dauerte ein Transport ins mehr als 50 Kilometer entfernte Hof in Bayern einen ganzen Tag. Auf dem Foto sind neben und auf dem Kotflügel der große und der kleine Fritz Schemm sowie ein Beifahrer zu sehen.
Unfälle blieben nicht aus. Auf dem Foto ist einer der beiden VOMAG-Lastwagen der Spedition Maul nach der Kollision mit einem anderen Lkw der gleichen Marke zu sehen. Die Frontscheibe auf der Fahrerseite war zersplittert. Das war in Zeiten ohne Sicherheits- oder Verbundglasscheiben sehr gefährlich.
Am 4. März 1930 traf es den zweiten VOMAG: Auf glatter Straße kollidierte er mit einer BMW-Limousine des Typs 3/15 PS DA aus dem Jahr 1929 – also fast neu. Offenbar hielt sich der Schaden in Grenzen.

Bei seiner Tätigkeit als Kutscher gelang es Fritz schon nach kurzer Zeit, seine Pferde so abzurichten, dass sie ausschließlich auf seine persönlichen Anweisungen in Form von Zungenschnalzen und Pfiffen reagierten. Als der Chef eines Tages selbst das Gespann zur Seite führen wollte, weil es mitten auf dem Speditionshof stand, bewegten sich die Pferde keinen Millimeter von der Stelle. Das gab einen Rüffel: „Schemm, lassen sie gefälligst diesen Blödsinn!“ Ungeachtet solcher kleinen Zwischenfälle stieg Fritz im Jahr 1923 zum „Spezial-Transportarbeiter“ auf und der Chef vertraute ihm später einen der beiden VOMAG-Lastwagen an. Mit diesem Lkw war er in den nächsten Jahren unterwegs.

Nach einigen Episoden mit Lastwagen der Marken Mercedes und Magirus erwarb die Spedition Moritz Maul im Jahr 1942 einen neuen Lkw vom Typ 4,5 LHG aus dem Hause VOMAG in Plauen. Der Viereinhalbtonner war mit dem damals staatlich subventionierten Holzgas-Antrieb ausgerüstet. Holz galt als von Importen unabhängiger „heimischer Betriebsstoff“, Diesel-Kraftstoff war vor allem der Wehrmacht vorbehalten. Den Lkw bekam Fritz Schemm zugewiesen. Jeder Kraftfahrer empfand es in diesen Zeiten als große Ehre, ein fabrikneues Fahrzeug anvertraut zu bekommen – man fühlte sich verantwortlich. Umsicht und Sorgfalt sowie eigenverantwortliche Pflege des Wagens waren selbstverständlich. Das führte dazu, dass Fritz auch in seiner Freizeit meistens an, in oder unter „seinem Vomag“ zu finden war.

Rechts im Bild ist Fritz Schemm zu sehen, links ein Kollege. Der VOMAG vom Typ 4,5 LHG war damals neu; das Foto muss bald nach der Auslieferung des mit Holzgas betriebenen Viereinhalbtonners entstanden sein. Da Deutschland ab 1940 zunehmend von Luftangriffen der Alliierten betroffen war, mussten Kappen auf den Scheinwerfern angebracht werden und die Notek-Lampe war obligatorisch – als Schutz vor nächtlichen Fliegerangriffen.

Der Chef hatte offensichtlich beste Verbindungen nach ganz oben. So kam es, dass sowohl der VOMAG als auch sein Fahrer als „für die Versorgung der regionalen Bevölkerung unentbehrlich“ eingestuft wurden und damit einer Beschlagnahme durch die Wehrmacht und dem Kriegseinsatz entgingen. Der Fortbestand der Spedition Moritz Maul & Söhne war gesichert.

Als der Zweite Weltkrieg endete, blieb das Fahrzeug das Rückgrat des Betriebs und wurde auch bei Kolonnentransporten für die Rote Armee eingesetzt. So gelangte Fahrer Schemm mit dem VOMAG bis an die polnische Ostgrenze. Die Umstellung des Antriebs von Holzgas auf Diesel führte er in Eigenregie durch. Später wirkte er maßgeblich an der Rekonstruktion des Fahrerhauses mit.

Zum Fuhrpark der Spedition Maul gehörten auch ein Ford und ein Dodge aus Kriegszeiten, beide mit Treibgas-Antrieb, zwei Phänomen Granit und ein Horch H 3 A. Aber bis Mitte der 1960er Jahre blieb der VOMAG das schwerste und zugleich wichtigste Fahrzeug. Meist war das Fahrzeug mit zwei Anhängern im Einsatz.

Nachts in der Garage: Fritz Schemm schraubt am Motor „seines“ VOMAG, hinter ihm steht seine Tochter Margarete. Das Foto stammt aus der Zeit zwischen 1948 und 1953, als die im ganzen Land ausgegebenen schwarzen Besatzungs-Kennzeichen auch in Ostdeutschland üblich waren – außer in Berlin.
In den frühen Nachkriegsjahren sah der VOMAG zwar etwas mitgenommen aus, war aber trotzdem ein eindrucksvoller Fernverkehrslastzug mit einem typischen Dreiachs-Anhänger der damaligen Zeit. Stolz posieren Else und Fritz Schemm mit einem Kollegen vor dem mächtigen Geschiebe. 

Bis 1967 erreichte Fritz Schlemm mit dem Fahrzeug dank hervorragender Pflege und sorgfältiger Wartung eine Gesamtlaufleistung von insgesamt 1,3 Millionen Kilometern bei nur einer einzigen Motor-Revision. Diese, für die damalige Zeit fantastische Leistung wurde in der regionalen Presse mit einem größeren Artikel gewürdigt.

Im September 1968 wurde in der Regionalzeitung ein Artikel veröffentlicht, in dem die vorbildlichen Leistungen von Fritz Schemm im Nah- und Fernverkehr gewürdigt wurden.
Diese Aufnahme entstand nach dem 31. Januar 1954, dem Tag, an dem alle Fahrzeuge in der DDR landesweit mit neuen Kennzeichen auszustatten waren. Zudem mussten die Buchstaben und Ziffern des Kennzeichens in großer Schrift an den Türen und an der Fahrzeugrückseite deutlich zu lesen sein.
Fritz Schemm, ein Kollege, und der altgediente VOMAG. Aus dem ersten Buchstaben der neuen Kennzeichen ging der Bezirk hervor, in dem das Fahrzeug zugelassen war. In diesem Fall war es ein „T” für den Bezirk Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz).
Auch im Winter, als es noch richtig schneite, musste gefahren werden – oft mit zwei Anhängern im Fernverkehr. Gut, dass der Holzgas-Antrieb des VOMAG längst auf Dieselbetrieb umgerüstet worden war. Dafür hatte Fritz Schemm eigenhändig gesorgt.

Gelegentlich durfte ich meinen Onkel auf seinen Touren begleiten. Für mich als Jugendlichen waren Fahrten mit dem Lastzug durch das Vogtland und auch das Erzgebirge unvergessliche Erlebnisse. Eines Tages allerdings kam der Abschied vom altgedienten VOMAG, als die Firma Maul im Jahr 1967 einen fabrikneuen IFA W 50 erhielt, den natürlich Fritz Schemm zugeteilt bekam. Voller Stolz über den neuen LKW, aber auch mit Tränen in den Augen wegen des Abschieds von seinem geliebten VOMAG nach 25 Jahren, nahm er damals zum ersten Mal Platz am Steuer des robusten Frontlenkers aus DDR-Produktion. In der Folgezeit saß er bis zu seinem 73. Lebensjahr täglich am Steuer des W 50, bis ihn ein schweres Hüftleiden zum Aufgabe seines Lebens als Lkw-Kutscher zwang.

Die letzten fünf Bilder in diesem Beitrag sind Farbfotos aus der Zeit ab 1967, als die Spedition Maul das betagte Haubenfahrzeug bereits abgegeben hatte. Auf dieser Aufnahme ist die letzte Reifenkontrolle durch Fritz Schemm zu sehen, bevor der VOMAG nach Netzschkau bei Reichenbach aufbrach, um bei einem neuen Besitzer die Arbeit aufzunehmen. Er hatte erneut andere Kennzeichen erhalten, die mit den Buchstaben TY begannen.

Der VOMAG wurde dann von einem privaten Fuhrunternehmer in Netzschkau bei Reichenbach erworben, der später noch ein weiteres Exemplar der gleichen Marke in Betrieb nahm.

Zehn Jahre später besuchte mein Onkel, gesundheitlich schon schwer gezeichnet, noch einmal seinen geliebten VOMAG. Ich begleitete ihn damals auf dieser Tour. Im Jahr 1982 starb Fritz Schemm, seine Frau Else folgte ihm 1997 mit 97 Jahren. Zur großen Überraschung aller Familienmitglieder hinterließ sie bei ihrem Tod 120.000 Deutsche Mark auf ihrem Girokonto. Tragischerweise waren ihre beiden Kinder Fritz und Margarete – beide kinderlos – schon vor ihr verstorben. Aber es gab eine uneheliche Enkelin, die mein Cousin während eines Betriebsausflugs "produziert" hatte. Sehr zum Ärger einiger Nassauer, die auf einen Erbanteil geschielt hatten, erbte natürlich die Enkelin alles.

Trotz der Behinderung durch sein Hüftleiden begab sich Fritz Schemm im Jahr 1977 ein letztes Mal auf eine Reise zu seinem geliebten VOMAG. Die Begegnung in Netzschkau hat ihn sichtlich gefreut.
Abschied für immer: Für seinen letzten Besuch in Netzschkau hatte Fritz Schemm feierlich einen Anzug gewählt. Der neue Fahrzeugbesitzer und seine Leute waren ganz normal angezogen.
Gegen Ende der 1980er Jahre war der VOMAG äußerlich noch immer in einem sehr guten Zustand. Allerdings bestand sein Antriebsstrang inzwischen teilweise aus Komponenten anderer Fahrzeuge.
Später hatte der neue Eigentümer noch einen weiteren VOMAG in seinem Fuhrpark. Der früher von Fritz Schemm gefahrene Haubenwagen steht noch heute in Netzschkau vor Regen geschützt unter einem Dach und hofft auf ein langes Leben.

Der alte VOMAG in Netzschkau musste leider einige Modernisierungen über sich ergehen lassen, um weiterhin im Fuhrbetrieb einsatzfähig zu bleiben. So erhielt er an Stelle des originalen Vomag-Motors eine Schönebecker Maschine und vom Skoda 706 Getriebe, Differential und Achsantrieb. Auch die Bremsanlage wurde aufwendig aufgerüstet. Diese Maßnahmen sicherten allerdings das Überleben des Fahrzeugs – ich habe es all die Jahre nie aus den Augen verloren – bis nach der Wende. Im Lauf des Jahres 1990 endete das aktive Leben des Fahrzeugs, vermutlich als letzter noch im Einsatz befindlicher VOMAG. Genau dort, wo er damals von seinem Besitzer unter einem Dach abgestellt wurde, wartet er in Netzschkau auch heute noch auf sein Schicksal. Sein inzwischen mehr als 80 Jahre alter Besitzer mag sich noch nicht von ihm trennen.

Diesen Beitrag hat Klaus Schildkopf verfasst, aus dessen Sammlung auch sämtliche Fotos stammen.

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