75 Jahre Framo V 901
Der kleine Lieferwagen auf dem Weg zum Barkas
Vor 75 Jahren rollte in Hainichen der Framo V 901 an. Oft wird er als erste DDR-Neuentwicklung des Werks beschrieben – tatsächlich steckte im Dreivierteltonner vor allem ein neuer Motor: der Dreizylinder-Zweitakter des IFA F9, dessen Konstruktion auf den vor dem Zweiten Weltkrieg entwickelten DKW F9 zurückgeht. Wir erzählen die Geschichte des kleinen Sachsen, zeigen seinen Antrieb und erklären, warum seine Leistung bewusst reduziert wurde. Wir folgen der Spur vom Holzgerippe-Kastenwagen bis zum Barkas B 1000 und zeigen, was Restauratoren heute unter der Haube finden.

Die Anfänge der Metallwerke Frankenberg
In diesem Beitrag geht es um das Dreivierteljahrhundert, das seit der Herstellung des ersten Fahrzeugs vom Typ V 901 in den Framo-Werken in Hainichen in Sachsen vergangen ist. Aber zunächst wollen wir noch ein Stück weiter zurückgreifen, denn die Nutzfahrzeug-Geschichte bei Framo beginnt schon vor einem knappen Jahrhundert. 1927 rollte das erste Transport-Dreirad vom Typ TV 300 aus den Hallen der „Metallwerke Frankenberg GmbH“, die 1923 von den Ingenieuren Jørgen Skafte Rasmussen, Richard Blau und Paul Figura in einer ehemaligen Kaserne gegründet worden war. Der gebürtige Däne Rasmussen war zugleich Eigentümer. Neben vielen anderen Aktivitäten hatte er bereits 1912 die Zschopauer Maschinenfabrik J. S. Rasmussen gegründet, die sich mit der Marke DKW später zu einem der größten Motorradhersteller der Welt entwickelte.
Nachdem man in Frankenberg mit 30 Arbeitern als Zulieferbetrieb von Motorradteilen für das Motorradwerk in Zschopau den Betrieb aufgenommen hatte, war der Bau des ersten eigenen Automobils ein wichtiger Schritt nach vorn. In der Entwicklungsphase nannte sich das Fahrzeug zunächst „DKW-Eil-Lieferwagen“. 1927 kam es als Transportdreirad TV 300 auf den Markt. Mit seinem luftgekühlten DKW-Einzylinder-Zweitakter mit 300 Kubikzentimetern Hubraum und 7 PS erreichte es eine Höchstgeschwindigkeit von 40 Stundenkilometern. Seine 500 Kilogramm Zuladung (inklusive Fahrer) genügten für viele Einsatzzwecke und das kleine Nutzfahrzeug errang bei Händlern und Handwerkern schnell große Beliebtheit, obwohl es ohne elektrischen Anlasser und ohne Rückwärtsgang geliefert wurde. Bis 1928 hatte das Frankenberger Unternehmen bereits rund 1000 Dreiräder unter die Leute gebracht und die Belegschaft wuchs allmählich auf bis zu 700 Mitarbeiter an.

Ab dem 16. März 1928 waren Dreiräder mit weniger als 200 Kubikzentimetern Hubraum in Deutschland steuer- und führerscheinfrei. Deshalb fing man in Frankenberg an, Dreirad-Varianten mit kleineren Motoren zu entwickeln. 1930 wurde der TV 300 durch die noch immer offenen, aber seitlich mit Türen versehenen Dreiradmodelle LT 200 und LT 300 abgelöst. Die in den Typenbezeichnungen enthaltenen Zahlen bezogen sich auf die Größe des Hubraums. Auch Varianten zum Personentransport waren zu dieser Zeit im Angebot. Gut für das Geschäft waren Exporte in viele Länder, darunter Indien, wo die Dreiräder als motorisierte Rikschas Verwendung fanden. Noch im Jahr 1930 erschienen die Modelle LTH 200 und LTH 300, nunmehr mit Motorhaube, Fahrerhaus, Lenkrad-Schneckenlenkung und serienmäßigem Rückwärtsgang.

Umzug nach Hainichen und der nahende Krieg
Da die ehemalige Kaserne in Frankenberg wieder militärisch genutzt werden sollte, sah sich die Geschäftsleitung gezwungen, ab 1932 etappenweise ins benachbarte Hainichen in die Hallen einer in Konkurs gegangenen Weberei umzuziehen. Am 1. Januar 1934 erfolgte die Umbenennung des Unternehmens in „Framo-Werke G.m.b.H. Hainichen“, wobei sich der Name auf den ursprünglichen Produktionsort Frankenberg bezog. In den folgenden Jahren fuhren Tausende von Framo-Drei- und Vierrad-Fahrzeugen nicht nur auf deutschen Straßen, sondern auch im benachbarten Ausland. Framo bot 1933 und 1935 auch zwei Personenwagen an, zuerst den führerscheinfreien Kleinwagen Stromer FP 200 mit Frontantrieb, der hinten nur ein Rad hatte, dann den Piccolo VH 300 mit vier Rädern und Heckmotor. Von beiden Modellen wurden insgesamt jedoch nur 733 Stück verkauft.

Das Kerngeschäft blieb der Bau von leichten Nutzfahrzeugen und man entwickelte nicht nur Dreirad-, sondern zunehmend auch Vierradfahrzeuge weiter, wobei die Frontpartie des Stromer-Kleinwagens 1934 beim ersten Vierrad-Lieferwagen FPT 300 verwendet wurde. Jährlich produzierten die Framo-Werke rund 3000 Fahrzeuge an bis zu sechs Montagelinien. Zu den wichtigsten Vierradtypen gehörten der FPT 300, der HT 600, der HT 1200 beziehungsweise V 1200 sowie der LTV 500 und der V 500 „Typ Danzig“. Die Fahrzeuge sind in diesem Bericht abgebildet.

Mitte der 1930er Jahre lief die deutsche Rüstungsindustrie bereits auf Hochtouren. Bei Framo musste 1939 die Produktion von Dreiradfahrzeugen eingestellt werden, da sie nicht kriegstauglich waren. Von den Vierradfahrzeugen durfte ab 1941 per Dekret der nationalsozialistischen Regierung im Rahmen des Schell-Plans nur noch ein Modell produziert werden, der sogenannte Einheitstyp 650. Das Fahrzeug basierte auf dem Framo V 500 von 1939, war jedoch für den Kriegseinsatz zugeschnitten und technisch wie auch äußerlich vereinfacht. Unter der Typenbezeichnung V 501 ging der Transporter 1941 in Serie und wurde als Einheitstyp auch von anderen Herstellern wie Manderbach, Ostner und Standard gebaut.

Framo im Zweiten Weltkrieg
Mitten in Zeiten des Kriegs fiel die Entscheidung seitens der Framo-Geschäftsleitung, die Motorisierung zu optimieren. Ab 1943 wurde der DKW-Zweizylinder-Zweitakter durch eine Eigenentwicklung, den Framo U 500, ersetzt, einen Doppelkolbenmotor mit vier Kolben, von denen jeweils zwei einen gemeinsamen Brennraum hatten. Der V 501 wurde durch die Motorumstellung zum V 501/2. Gegenüber dem Vorgänger mit 15 PS konnte er mit 17 PS aufwarten. Bis zum Herbst 1943 wurden insgesamt 1630 Exemplare gebaut (eine andere Quelle nennt 1242 Exemplare), dann musste komplett auf Rüstungserzeugnisse wie Granat- und Nebelwerfer, Bordwaffen und Richtmaschinen zum Ausrichten von Geschützen umgestellt werden. Trotzdem bot Framo für beide Motor-Varianten noch Umbausätze zum Betrieb mit Propangas an.
Zur Framo-Werksgeschichte gehört auch ihr dunkelstes Kapitel. Am 8. September 1944 wurde in Hainichen ein Außenlager des KZ Flossenbürg in einer ehemaligen Nadelfabrik eingerichtet, etwa einen Kilometer vom Framo-Werk entfernt. Rund 500 jüdische Frauen, vor allem aus Polen und Ungarn, die aus dem KZ Auschwitz-Birkenau kamen, mussten für die Framo-Werke unter unmenschlichen Bedingungen Metallarbeiten an Maschinengewehren, Granat- und Nebelwerfern ausführen. Kurz vor Kriegsende, am 14. April 1945, begann die Räumung des Lagers. Die SS trieb die Frauen auf einen Todesmarsch. Zu Fuß und per Bahn gelangten sie innerhalb einer Woche zunächst in das Außenlager Leitmeritz. Anschließend wurden sie nach Theresienstadt gebracht. Die Verbindung von Hainichen über Leitmeritz nach Theresienstadt entspricht auf heutigen Straßen einer Entfernung von rund 150 Kilometern. Der tatsächliche Weg der Frauen ist damit nicht vollständig erfasst. Am 8. Mai 1945 wurden die Überlebenden in Theresienstadt von der Roten Armee befreit.
Harte Zeiten auch nach 1945
In Hainichen war in der ersten Nachkriegszeit noch nicht an eine Wiederaufnahme der Fahrzeugproduktion zu denken. Die Gebäude der Framo-Werke wiesen zwar keine Kriegsschäden auf, aber die Produktionsanlagen des ehemaligen Rüstungsbetriebs wurden nahezu vollständig demontiert und in die Sowjetunion verbracht. Alles wurde eingepackt, natürlich gegen Quittung der Sowjet-Offiziere – eine kleine Auswahl: Chassis, komplett verpackt mit Führerhaus, Kiste mit Nummernschildern, Benzintanks, drei Kisten allgemeines Werkzeug, Glasscheiben aller Art, Rad-Zierkappen und aus den Büros Projektoren, Filme, Schreibmaschinen und Büromaterial. Am 2. April 1946 erfolgte schließlich die Freigabe des Betriebs beziehungsweise dessen, was davon übrig war. So schreibt es Günther Wappler in seinem Buch „Framo & Barkas“.
Danach gab es schon bald wieder Aktivität in den Hallen. Am Anfang waren es rund 50 Frauen und Männer, die sich im Werk an die Arbeit machten, um Produkte wie Küchenherde, Handwagen und Kartoffelquetschen herzustellen. Holz dafür war genug vorhanden, aber um Metallgegenstände herzustellen, war Erfindungsreichtum gefragt. So wurden zum Beispiel Granathülsen spiralförmig aufgeschnitten, um Metallreifen zu fabrizieren, die für Wagenräder und sogar für Kinderroller verwendet wurden. Erst allmählich geriet der Fahrzeugbau wieder in den Fokus. Neben Kraftfahrzeugreparaturen gehörten zunächst Ersatzteile und Tausende von Pferdewagen zum Fertigungsspektrum. Im Jahr 1947 bestand die Belegschaft bereits wieder aus 235 Personen.

Am 1. Juli 1949 wurde Framo in Volkseigentum übergeführt und in den Industrieverband Fahrzeugbau (IFA) eingegliedert. Gemäß den damaligen politischen Vorgaben erhielt das Unternehmen den Namen „IFA Vereinigung Volkseigener Fahrzeugwerke – Werk Framo – Hainichen“. Die Wiederaufnahme der Fertigung des ehemaligen Einheitstyps, also des Framo V 501/2, begann nach sechsjähriger Unterbrechung zunächst mit übriggebliebenen Haubenteilen des Modells V 500 von 1939. Nachdem etwa 65 Pritschenwagen hergestellt waren, ging es weiter mit dem V 501/2 in der Version von 1943. Im Jahr 1950 konnten rund 700 Kleintransporter ausgeliefert werden. Insgesamt 374 Beschäftigte arbeiteten damals bei Framo in Verwaltung und Produktion. Gleichzeitig wurden auch Bodenfräsen und Motorhacken hergestellt.
1951 kam der Framo V 901
Im Jahr 1951 stellte Framo das Modell V 901 vor. Zu diesem Zeitpunkt begann die 75-jährige Geschichte, die den Titel dieses Artikels bildet, denn der V 901 gilt als die erste Framo-Neuentwicklung der DDR. Dabei stimmt das nur zur Hälfte. Neu war im Wesentlichen der Motor, da Framo Fahrgestell und Getriebe weitgehend unverändert vom Vorgänger übernommen hatte. Gerade darin liegt die eigentliche Geschichte – denn mit dem Motor zog eine Technik in Hainichen ein, die älter war als die DDR selbst.


Äußerlich hatte sich gegenüber dem Vorgängermodell nichts geändert, nur dass der V 901 mit Radkappen geliefert wurde. Der Transporter hatte nun jedoch mehr Leistung durch den wieder verfügbaren Dreizylinder-Zweitaktmotor des IFA F9, eines Personenwagens, der auf dem DKW F9 basierte. Der Pkw war schon kurz vor dem Zweiten Weltkrieg entworfen, aber nicht in Serie gebaut worden. Im IFA F9 leistete der Motor anfangs 21 kW (28 PS) bei 3600 Umdrehungen pro Minute. Sein Drehmoment betrug 74 Nm bei einer Drehzahl von 2500. Im Framo waren es 17,7 kW (24 PS) bei derselben Nenndrehzahl und 71 Nm bei einer Drehzahl von 2250. Als Grund für die geringere Leistung nennen die Quellen übereinstimmend: Getriebe, Fahrwerk und Bremsen stammten vom schwächeren Vorgänger und sollten nicht überlastet werden.
Zum Vergleich: Der im März 1950 eingeführte VW-Transporter T1 besaß mit seinem 1,1-Liter-Boxermotor (genauer gesagt 1131 Kubikzentimeter Hubraum) eine Leistung von 18 kW (25 PS) bei 3300 Umdrehungen pro Minute und rund 750 Kilogramm Nutzlast. Leistung und Nutzlast lagen also auf ähnlichem Niveau wie beim Framo V 901, bei grundverschiedenem Konzept.
Angebot, Nachfrage und Export
Die Nachfrage überstieg das Angebot bei Weitem. Neben Pritsche und Kastenwagen verlangten die Abnehmer auch Krankenwagen, Kleinbus und Kombiwagen. Die geschlossenen Aufbauten wurden in Fachbetrieben in Döbeln und Halle karossiert. Sie bestanden traditionell aus Holzgerippen, die mit Blech verkleidet wurden. 1952 fertigten 1150 Beschäftigte 1302 Fahrzeuge, bis 1954 entstanden insgesamt 3775 oder 3841 Einheiten des Typs V 901, je nach Quelle – in jedem Fall zu wenig für den Binnenmarkt. Zugleich wurden aber seit 1951 Fahrzeuge in die Niederlande und nach Belgien exportiert. Im Lauf der Bauzeit wurde der V 901 in weitere Länder exportiert: nach Ägypten, Bulgarien, Finnland, Griechenland, Polen, Rumänien, Schweden sowie in die Schweiz und die Tschechoslowakei. Auch in Braunschweig gab es einen Framo-Händler, der in der gesamten Bundesrepublik ein Servicenetz aufbaute und die Fahrzeuge unter dem Namen Norwed vermarktete.
Eine sichtbare Weiterentwicklung war der 1954 herausgebrachte Typ V 901/2. Er unterschied sich äußerlich deutlich durch das verbreiterte Fahrerhaus mit modernisierter Frontpartie und in die Kotflügel integrierte Scheinwerfer. Doch außer dem zehn Zentimeter längeren Radstand unterschied er sich technisch nur wenig vom V 901. Immerhin gab es Verbesserungen an Fahrwerk und Bremsen und der Motor hatte mit 20,6 kW (28 PS) mehr Leistung. Im Karosseriewerk Halle und im Feuerlöschgerätewerk Görlitz entstanden nun auch Spezialaufbauten für die Post, das Rote Kreuz sowie für Volkspolizei und Feuerwehr.







Framo wird zu Barkas
Das Jahr 1957 brachte die Umbenennung der Marke Framo in Barkas. Die Betriebsleitung zog von Hainichen nach Karl-Marx-Stadt (inzwischen wieder Chemnitz) um und die Barkas-Werke Hainichen gehörten fortan zum Volkseigenen Betrieb Barkas-Werke. Der Name Barkas kommt aus dem Phönizischen und bedeutet „Blitz“ oder „Der Schnelle“. Auch der Framo V 901/2 verlor offiziell seinen Namen und wurde zum Barkas V 901/2. Umgangssprachlich blieb es aber bei der Bezeichnung Framo, obwohl nun oben an der Kühlermaske das IFA-Emblem prangte.




Das Produktionsende des kleinen Haubenlasters kam 1961, nachdem man schon zehn Jahre zuvor überzeugt war, dass sein Gesamtkonzept längst überholt war. 1954 begannen Ingenieure und Produktdesigner, einen neuen Transporter für die DDR unter der Bezeichnung L1 zu entwerfen. Im Jahr 1961 wurde der Barkas B 1000 auf der Leipziger Herbstmesse erstmals offiziell der Öffentlichkeit präsentiert, nachdem schon im Juni die Serienfertigung in Hainichen begonnen hatte. Die Produktion des B 1000 verteilte sich auf zwei Standorte. Während die Karosserien in Karl-Marx-Stadt entstanden, blieb die Endmontage im früheren Framo-Werk in Hainichen. Die 30 Kilometer Entfernung zwischen beiden Werken legten die Rohkarosserien auf Lastwagen zurück. Zunächst dienten dazu Auflieger für jeweils vier Karosserien, ab 1965 Doppelstockanhänger für jeweils fünf.

Modern und formschön: Der Barkas B 1000
Bei seiner Einführung 1961 war der Barkas B 1000 eine moderne Konstruktion. Sein Frontantrieb ermöglichte einen niedrigen Ladeboden, da weder eine Kardanwelle zur Hinterachse noch ein Heckmotor untergebracht werden mussten. Das erleichterte das Be- und Entladen und schuf gute Voraussetzungen für eine platzsparende Gestaltung des Aufbaus. Volkswagen setzte beim T1 dagegen auf einen luftgekühlten Heckmotor, Ford beim damaligen FK 1000 beziehungsweise Taunus Transit auf Frontmotor und Hinterradantrieb. Jedes dieser Konzepte hatte eigene Vorzüge und konstruktive Grenzen.




Als Kastenwagen bot der Barkas rund 6,4 Kubikmeter Laderaum gegenüber 4,8 Kubikmetern beim normalen VW T1. Seine Nutzlast von einer Tonne fand sich in der Typenbezeichnung B 1000 wieder. Zur Ganzstahlkarosserie kamen Einzelradaufhängung, Drehstabfedern und hydraulische Stoßdämpfer an allen vier Rädern. Das waren zeitgemäße Merkmale, die allerdings auch der VW Transporter aufwies. Die Stärken des Barkas lagen besonders in der Verbindung von kompakter Bauform, großem Laderaum und niedrigem Ladeboden.
Verschrottung nur auf dem Papier
Schon in den 1960er Jahren beschäftigten sich die Barkas-Konstrukteure mit einem Nachfolger. Zwischen 1969 und 1972 entstanden unter der Bezeichnung B 1100 drei Prototypen als Pritschenfahrzeuge. Zu den Entwicklungszielen gehörten ein Viertaktantrieb, eine höhere Nutzlast und eine verbesserte Bremsanlage. Die Versuchsfahrzeuge erhielten unterschiedliche Motorisierungen, darunter einen Vierzylinder-Viertakter aus dem Moskwitsch 412. Doch Mitte 1972 wurde die Entwicklung auf ministerielle Weisung eingestellt. Die Fahrzeuge sollten verschrottet werden. Ein kleiner Kreis von Mitarbeitern bewahrte sie jedoch, indem er die Prototypen ohne Motoren und Räder in Scheunen rund um Frankenberg versteckte und die Verschrottung nur auf dem Papier bestätigte. Zwei dieser seltenen Fahrzeuge haben wir in der ZeitWerkStadt in Frankenberg fotografiert: einen Pritschenwagen mit kurzer Kabine und eine Ausführung mit Doppelkabine.


Der B 1000 und die technische Entwicklung im Westen
Nach dem Abbruch des Nachfolgeprojekts blieb der B 1000 weiter im Programm. Sein aus dem Wartburg bekannter Dreizylinder-Zweitaktmotor war zu Beginn der 1960er Jahre noch kein grundsätzliches Hindernis für einen konkurrenzfähigen Transporter gewesen. Die Grenzen des Konzepts wurden jedoch im Laufe der langen Produktionszeit immer deutlicher. Während Volkswagen und Ford ihre Transporter mit neuen Modellgenerationen und einer breiteren Motorenauswahl weiterentwickelten, blieb der Barkas bei seinem kleinen Zweitakter. Dessen einfache Bauweise stand einem zunehmend nachteiligen Verhältnis von Leistung und Kraftstoffverbrauch gegenüber. Hinzu kamen das charakteristische Motorgeräusch und die Abgase aus der Verbrennung des Benzin-Öl-Gemischs.
VW und Ford verwendeten bereits damals Viertakt-Benzinmotoren. Dieselmotoren erweiterten das Angebot im Laufe der weiteren Entwicklung. Beim VW Transporter kam der erste Diesel 1981 im T3 hinzu. Barkas stellte erst im Herbst 1989 den B 1000-1 mit einem in VW-Lizenz gefertigten 1,3-Liter-Viertaktmotor vor. Die Serienfertigung folgte 1990. Der neue Antrieb verbesserte die Voraussetzungen, konnte aber die inzwischen fast drei Jahrzehnte alte Grundkonstruktion nicht umfassend modernisieren. Nach der politischen Wende musste sich der Transporter einem erheblich größeren Angebot an Konkurrenzfahrzeugen stellen.
Das Karosseriedesign des Barkas B 1000 hat dagegen bis heute seinen Reiz bewahrt. Mit seinen harmonischen und perfekt proportionierten Rundungen stellt er ein Paradebeispiel für gute Fahrzeuggestaltung im Stil der 50er und 60er Jahre dar. Bis Redaktionsschluss ist es uns leider nicht gelungen, zu recherchieren, wer oder welches Büro für den Entwurf der B 1000-Karosserie verantwortlich war. Ein dickes Lob möchten wir trotzdem aussprechen.



Framo-Veteranen im Verborgenen
Als die DDR nach 40 Jahren ihrem Ende entgegenging, waren noch zahlreiche Exemplare der kleinen Haubenwagen aus Hainichen auf den Straßen unterwegs, vor allem für die Werkslogistik der volkseigenen Betriebe oder bei Handwerkern. Nach der politischen Wende verschwanden sie allmählich von der Bildfläche, doch viele der Framo-Veteranen, die heute auf Nutzfahrzeugtreffen zu sehen sind, schlummerten über Jahre und Jahrzehnte im Verborgenen, wie der passionierte Framo-Restaurator Oliver Trebes auf seiner Internetseite erzählt. Die Zweitakter mit 900 Kubikzentimetern Hubraum, die ursprünglich eingebaut waren, sind heute nur noch in wenigen Oldtimern vorhanden. In vielen der Fahrzeuge werkeln inzwischen Wartburg-Motoren mit 1000 Kubikzentimetern Hubraum, die zwischen 33 kW (45 PS) und 37 kW (50 PS) leisten. Für die Restaurierung ergibt sich daraus eine Grundsatzfrage: zurück zum Originalmotor oder die alltagstaugliche Umrüstung erhalten, die inzwischen auch schon Zeitgeschichte darstellt? Die Antwort muss jeder für sich selbst finden.

Hinweise für Besucher
Das besonders einfallsreich gestaltete Erlebnismuseum ZeitWerkStadt in Frankenberg, der Stadt, in der Rasmussen 1923 die Metallwerke gründete, zeigt seit 2021 eine Sammlung von Framo- und Barkas-Fahrzeugen aller Generationen. Die markantesten Exponate stammen aus dem ehemaligen Fahrzeugmuseum Frankenberg.
Sowohl in Frankenberg als auch in Hainichen kommen Besitzer von Framo- und Barkas-Fahrzeugen jedes Jahr zum Framo/Barkas-Treffen zusammen. Die nächsten Treffen finden in Hainichen am 5. Juni 2027 und in Frankenberg vom 11. bis 13. Juni 2027 statt. Auch beim alljährlich am 1. Mai zelebrierten großen Oldtimertreffen in Hartmannsdorf sind regelmäßig viele Fahrzeuge beider Marken zu sehen.
Text: Steve St.Schmidt · Abbildungen: Archiv der Edition Diesel Queen
Quellen:
40 Jahre VEB Barkas-Werke von Günther Fuchs, 1967, Herausgeber: VEB Barkas-Werke
Fahrzeuglexikon Framo/Barkas von Jürgen Lisse, 2008, Bildverlag Böttger ISBN: 978-3-937496-23-8
Framo & Barkas von Günther Wappler, 2005, Verlag WMS-Werbung ISBN: 3-931770-63-X
Framo – Typenübersicht
KZ-Gedenkstätte Flossenbürg – Außenlager Hainichen
Tobias U. Müller – ZeitWerkStadt und die B 1100-Prototypen
Häufig gestellte Fragen zu Framo und Barkas
Framo und Barkas sind aufeinanderfolgende Markennamen derselben sächsischen Transportertradition. 1957 wurde aus Framo die Marke Barkas. Der damals gebaute V 901/2 wurde deshalb zunächst als Framo und anschließend als Barkas angeboten. Nicht jeder Barkas ist also ein B 1000. Erst 1961 folgte mit dem Barkas B 1000 ein grundlegend neu konstruiertes Fahrzeug.
Das auffälligste Merkmal sind die Scheinwerfer. Beim V 901 stehen sie frei neben der Motorhaube, beim ab 1954 gebauten V 901/2 sind sie in die Kotflügel integriert. Der Nachfolger besitzt außerdem ein breiteres Fahrerhaus und eine modernisierte Frontpartie. Bei restaurierten oder während ihres Arbeitslebens umgebauten Fahrzeugen reicht das Aussehen allein allerdings nicht immer zur sicheren Bestimmung. Dann helfen Typenschild und Fahrzeugunterlagen.
Der Dreizylinder-Zweitakter leistete im frühen IFA F9 28 PS, im Framo V 901 dagegen 24 PS. Der Transporter übernahm Getriebe, Fahrwerk und Bremsen weitgehend vom schwächer motorisierten Vorgänger. Mit der reduzierten Motorleistung sollte eine Überlastung dieser Bauteile vermieden werden. Trotzdem bedeuteten die 24 PS einen deutlichen Fortschritt gegenüber den 17 PS des bisherigen Framo-Motors.
Der Frontantrieb machte eine Kardanwelle zur Hinterachse überflüssig. Zugleich beanspruchte kein Heckmotor Platz im hinteren Aufbau. Das erleichterte die Gestaltung eines niedrigen Ladebodens und eines großen Laderaums. Als Kastenwagen bot der B 1000 rund 6,4 Kubikmeter Ladevolumen bei einer Nutzlast von einer Tonne. Gerade für Lieferdienste mit häufigem Be- und Entladen war die niedrige Ladehöhe praktisch.
Ja. Im Herbst 1989 wurde der Barkas B 1000-1 vorgestellt, dessen Serienfertigung 1990 begann. Er erhielt einen 1,3-Liter-Vierzylinder-Viertaktmotor, den Barkas in VW-Lizenz fertigte. Damit unterscheidet sich diese letzte Serienausführung vom bekannten B 1000 mit Dreizylinder-Zweitaktmotor. Der neue Motor verlängerte die Fahrzeugproduktion jedoch nur kurz. Im April 1991 endete der Transporterbau.






