Die Borgward-Chronik mit Hansa-Lloyd ab 1931, Goliath und Lloyd

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Von Christoph Büch und Steve St.Schmidt (2026)

Borgward im Zweiten Weltkrieg

Am 23. September 1938 weihte Borgward das neue Werk in Bremen-Sebaldsbrück ein. Seit diesem Tag firmierte das Unternehmen unter dem Namen Carl F.W. Borgward, der Name Hansa-Lloyd war endgültig Geschichte. Im Zuge der verstärkten Aufrüstung regulierte die nationalsozialistische Regierung die Produktion aller deutscher Fahrzeughersteller. Borgward wurde angewiesen, sich auf die Herstellung von Lastwagen mit Nutzlasten von ein bis drei Tonnen zu beschränken.

Nachdem die nationalsozialistische Regierung per Dekret festgelegt hatte, dass Borgward nur noch Lastwagen mit einer Nutzlast zwischen einer und drei Tonnen bauen durfte, deren Typenbezeichnungen die Tonnage enthalten mussten, und nachdem das Unternehmen den Markennamen Hansa-Lloyd fallengelassen hatte, trugen die ehemaligen Hansa-Lloyd-Modelle, sofern sie in die vorgegebenen Nutzlastklassen passten, von nun an den Namen des Firmeninhabers Borgward. Das Bild zeigt den „Borgward 3 t Benzin” aus dem Jahr 1939, dem Jahr, in dem der Krieg begann.
Da sich eine Kraftstoffknappheit bereits abzeichnete und alle Reserven für militärische Zwecke benötigt wurden, hatten die Versuche mit alternativen Kraftstoffen bereits früh begonnen. Dabei hatte sich der Holzgasgenerator als die adäquateste Lösung herausgestellt. Das Bild zeigt einen Borgward-Dreitonner mit einem Imbert-Holzgasgenerator. Doch nicht nur Lastwagen eigneten sich für den Betrieb mit Holzgas: Auch viele Personenwagen wurden umgerüstet, da im Verlauf des Kriegs Benzin und Diesel für Privatpersonen nicht mehr verfügbar waren.
Im Jahr 1939 ließ Borgward eine Preisliste drucken, aus der hervorgeht, welche Modelle noch verfügbar waren. Wer sich zu dieser Zeit einen Lkw anschaffte, musste allerdings damit rechnen, dass sein Fahrzeug, für das er viel Geld bezahlt hatte, schon bald vom Militär eingezogen wurde, um irgendwo an der Ostfront im Schlamm zu „verrecken”. Selbst Personenwagen und sogar Sportkabriolets wurden abgeholt und dienten den höheren militärischen Rängen als Fortbewegungsmittel.
Borgward 1,5 t Benzin um 1940
Von 1942 bis 1944 lief im Werk Bremen-Sebaldsbrück der Borgward-Dreitonner vom Band, der die Wehrmacht als Einheits-Lkw B 3000 S/D (Diesel) oder S/O (Ottomotor) belieferte. Bis zur Zerstörung des Werks wurden Zehntausende dieser Fahrzeuge produziert. Die Abbildung zeigt die Holzgas-Version.
Einer winkt fröhlich, die anderen blicken grimmig drein – Borgward-Werbeanzeige von 1943
Diese Aufnahme zeigt einen getarnten Borgward B 3000 A bei der Fahrt durch das französische Dorf Villers-Bocage in der Normandie im Jahr 1944, fotografiert von Arthur Grimm. Das leicht bearbeitete Foto stammt von Wikipedia (Bundesarchiv, Bild 101I-738-0273-11A / Grimm, Arthur / CC-BY-SA 3.0).

Im Ein-Tonnen-Nutzlastbereich produzierte Borgward das Modell B 1000 mit einem 1,4-Liter-Benzinmotor und 33 PS. Das Fahrzeug wurde zunächst von 1938 bis 1943 gebaut. Dazu kam von 1937 bis 1939 das Modell L 2000 S als Anderthalbtonner mit einem 47 PS starken Benzinmotor und zwei Litern Hubraum. 1939 avancierte es zum L 2300 mit 55 PS und 2,3 Litern Hubraum und lief bis 1942 vom Band. Der Dreitonner „Borgward 3 t“ wurde ab 1938 mit einem Sechszylinder-Motor als Benziner (Borgward B 3000 S/O) und ab 1939 als Diesel (Borgward B 3000 S/D) gebaut. Nach Einstellung der Produktion aller Hansa-Lloyd-Lastwagen war der Borgward Dreitonner der schwerste in Bremen produzierte Lkw. Ab 1939 gab es auf Verlangen des Reichsverkehrsministeriums auch eine Ausführung mit Imbert-Holzvergaser. Ab 1940 waren die Türen vorne angeschlagen. Das Produktionsende der Benzinversion war 1942, die Dieselversion wurde noch bis 1943 gebaut. Von 1942 bis Oktober 1944 produzierte Borgward auch eine Allradversion des Dreitonners mit der Typenbezeichnung B 3000 A im Werk Sebaldsbrück bis zur Zerstörung der Fabrikanlagen durch alliierte Bomber.

Ein Borgward-Minenräumer IV, der im Jahr 1944 von der Britischen Armee in Italien aufgefunden wurde – auch diese Aufnahme stammt von Wikipedia. Das Foto gehört zur Sammlung des Imperial War Museums (Nr. 2 Army Film & Photographic Unit, Radford (Sgt.).

Ein innovatives wehrtechnisches Projekt realisierte Borgward mit dem Minenräumer IV. Der ab 1942 gebaute, bedingt fernlenkbare und kettenbetriebene Sprengstoffträger war eine Neuheit, wenn auch ähnliche Erfindungen bereits zuvor in Frankreich getestet worden waren. Das Fahrzeug war mit einer hochmodernen Funkfernsteuerung ausgestattet und konnte Sprengladungen kontrolliert zur Detonation bringen. Sobald der kleine Panzer das Zielgebiet erreicht hatte, stieg der Fahrer aus und zog sich zurück. Dies war der gefährlichste Vorgang für ihn, denn er war nun nahezu schutzlos dem Feindfeuer ausgesetzt. Anschließend wurde das Fahrzeug per Funk an den Bestimmungsort herangefahren. Dort löste man die Sprengladung aus der Ferne aus und steuerte das Fahrzeug wieder aus dem Gefahren- bzw. Explosionsbereich hinaus. Mit annähernd tausend gefertigten Einheiten war der Minenräumer IV ein markanter Meilenstein im militärischen Robotikbereich seiner Zeit.

Bereits ab 1926 hatte der Hansa-Lloyd-Ingenieur Heinrich Ernst Kniepkamp eine Halbkettenzugmaschine (genannt „leichter Zugkraftwagen mit drei Tonnen Anhängelast“) für die Reichswehr entwickelt, die zunächst mit einem Sechszylinder-Motor von Hansa Lloyd und später mit einem Motor von Maybach ausgerüstet war. Das Fahrzeug erhielt 1937 die Bezeichnung Sonder-Kraftfahrzeug 11, kurz Sd.Kfz 11. Bei Hansa-Lloyd bzw. Borgward entstanden rund 500 Fahrzeuge  dieses Typs. Später stellten es auch die Adlerwerke in Frankfurt am Main, die Auto Union AG in Zwickau und Škoda in Pilsen her. Ab 1937 musste Borgward außerdem die von Krauss-Maffei entwickelte Acht-Tonnen-Halbkettenzugmaschine Sd.Kfz. 7 (mittlerer Zugkraftwagen) produzieren. Das Fahrzeug wurde auch bei Krauss-Maffei in München-Allach, bei Saurer in Wien und in geringer Stückzahl bei Krupp in Essen gebaut, nachdem Büssing und Daimler-Benz als Hersteller ausgeschieden waren. Bis 1945 lag die Produktionszahl des Sd.Kfz 7 allein bei Borgward bei 5496 Fahrzeugen dieses Typs und selbst im Februar 1945 verließen noch 53 Exemplare das Werk. Insgesamt 4.785 Arbeiter, darunter 65 Prozent Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, bauten diese massiven Halbkettenzugmaschinen. Ab August 1944 mussten zudem etwa eintausend Häftlinge aus dem Konzentrationslager Neuengamme bei der Produktion schuften. Im Oktober legte ein schwerer Luftangriff 75 Prozent der Produktion lahm, doch auch danach wurde unbeirrbar weitergearbeitet.

Die Aufnahme zeigt die bei Borgward gebaute Halbkettenzugmaschine vom Typ Sd. Kiz. 11, leichter Zugkraftwagen 3 t. Auch dieses Bild stammt von Wikipedia (WA Z5-Sparkommissar, Sd. Kiz. 11, leichter Zugkraftwagen 3 t)
Borgward-Werbeanzeige von 1943: Beworben wurden der Anderthalbtonner, der Dreitonner und die Halbkettenzugmaschine Sd. Kfz. 11, als ob man diese Fahrzeuge damals einfach so hätte kaufen können.
Das Borgward-Emblem ist am oberen Rand der Kühlermaske klar zu erkennen. Denn allein in Bremen wurden weit mehr als 5000 Exemplare der Halbkettenzugmaschine vom Typ Sd.Kfz. 7 (Mittlerer Zugkraftwagen) produziert. Weitere entstanden bei anderen Herstellern, zum Beispiel bei Krauss-Maffei.