Die Borgward-Chronik mit Hansa-Lloyd ab 1931, Goliath und Lloyd
Seite 2
Von Christoph Büch und Steve St.Schmidt (2026)
Goliath in den 1930er Jahren
Der Goliath mit der höchsten Nutzlast war der 1930 eingeführte Anderthalbtonner Superior, der baugleich mit dem Hansa-Lloyd-Typ Columbus war. Da kein eigener Motor mit der erforderlichen Leistung vorhanden war, bezog man einen passenden 37-PS-Benzinmotor von der Berg-Heckmann-Selve AG in Altena, Westfalen. Mit diesem Motor erreichte der Superior eine Geschwindigkeit von 65 Stundenkilometern. Das Fahrzeug blieb nur kurze Zeit im Angebot, denn ab 1932 erschien es sinnvoller, stattdessen den Columbus von Hansa-Lloyd mit gleicher Motorisierung und Tonnage zu vermarkten.



1932 erschien der Goliath Typ Atlas, ein Frontlenker mit einer Tonne Nutzlast. In der Werbung wurde er als „der modernste Schnell-Lastwagen der Welt“ angepriesen. Basierend auf dem Goliath Express, dem er deutlich ähnelte, erreichte er mit seinem 15-PS-Zweizylindermotor eine Höchstgeschwindigkeit von 50 Stundenkilometern. Auch beim Atlas befand sich die Einstiegstür an der Fahrzeug-Vorderseite. Besonders stolz war man auf die „bequeme, gepolsterte Sitzbank“, den auf dem „Handrad“ angebrachten Signalknopf und die Dyna-Startanlage, in die Anlasser, Lichtmaschine und Zündung integriert waren. Im gleichen Jahr erhielten die Lastenmotorräder Rapid und Standard ein neues Erscheinungsbild, das sich an einer moderner gestalteten Abdeckung des Hinterrads zeigte. Seitlich kennzeichneten dynamisch geformte, horizontale Sicken das neue Design. Im Jahr 1933 wurden die Namen Rapid und Standard durch die Typenbezeichnungen Z 200 und Z 400 ersetzt. An den technischen Daten änderte sich nichts, lediglich die Kaufpreise stiegen ein wenig an.




Ende 1933 erfolgte die Einführung der Dreirad-Lieferwagen F 200 (5,5 PS, 500 kg Nutzlast) und F 400 (10 PS, 750 kg Nutzlast) ein. Der Antrieb der Hinterräder erfolgte durch luftgekühlte Zweitakt-Benzinmotoren eigener Herstellung (LE 200 P und F 400). Die Ladefläche befand sich hinter dem Fahrerhaus, es gab Pritschenwagen, Kastenwagen und Kombinationswagen (also gleichzeitig Liefer- und Personenwagen). Die Kaufpreise betrugen 1250 und 1430 Mark. 1935 erhielten beide Dreirad-Modelle modernere Fahrerhäuser mit schrägen Frontscheiben. 1936 wurde die Motorleistung auf 6,5 und 12 PS gesteigert. Die Nutzlast betrug nun 680 und 930 kg und wurde 1937 erneut erhöht (auf 690 und 1010 kg). Bis mindestens 1933 galt die Steuer- und Führerscheinfreiheit für den Typ F 200, Übergangsfristen wurden 1937 endgültig abgeschafft.


Ein weiteres leichtes Nutzfahrzeug der Hansa-Lloyd-und-Goliath-Werke war ab 1934 der vierrädrige Haubenwagen L 500 mit einem 14-PS-Zweitakt-Benzinmotor und einer Nutzlast von 750 kg. Noch Ende 1934 erhielt er ein neues Design der Motorhaube. Die Kühl-Schlitze wichen feinmaschigen Gittern. 1935 wurde der L 500 zum L 600, der mit einer Vielzahl von Aufbauten „für jeden Verwendungszweck und jede Branche“ geliefert werden konnte, wie es in der Werbung hieß. Seine Höchstgeschwindigkeit betrug 55 Stundenkilometer.


Im Lauf der 1930er Jahre entstanden weitere Standorte: Neben dem Haupthaus in Bremen investierte Borgward in Zweigbetriebe und Zulieferwerke, etwa in Osterholz-Scharmbeck, nördlich von Bremen. Dort wurden sowohl spezielle Karosseriebauteile produziert als auch die Montage für einzelne Modellreihen vorgenommen, insbesondere für spätere Sonderfahrzeuge und Exportversionen. Dabei erwies sich die logistische Anbindung an den Bremer Hafen als strategisch wertvoll. Außerdem baute Borgward in Sebaldsbrück im heutigen Bremer Stadtteil Hemelingen ein völlig neues Werk, das der Hamburger Architekt Rudolf Lodders entwarf. Auf einem unbebauten 223.000 Quadratmeter großen Grundstück entstand eine moderne, von Grünanlagen umgebene Fabrikanlage mit hellen, groß dimensionierten Räumen. Die 1930er Jahre waren vom wirtschaftlichen Aufschwung geprägt. So stieg die Jahresproduktion von 4.210 Fahrzeugen im Jahr 1932 auf 16.775 Fahrzeuge im Jahr 1936, während die Belegschaft auf 5.233 Mitarbeiter anwuchs.


1935 wurde der Typ Atlas II eingeführt, der den ersten Atlas von 1932 ersetzte. Der Atlas II war ein konventioneller Haubenwagen mit kantiger Motorhaube, die Nutzlast betrug eine Tonne. Der 600-Kubikzentimeter-Motor mit 18 PS Leistung ermöglichte eine Höchstgeschwindigkeit von 45 Stundenkilometern. Im gleichen Jahr erschien der Goliath Rekord, der zunächst mit einem 14-PS-Zweitaktmotor mit zwei Zylindern ausgerüstet war, der unter dem Fahrersitz platziert war. Das runde Design der Haube wies keinerlei Öffnungen auf und verlieh dem Dreivierteltonner ein modernes Erscheinungsbild mit fließenden Formen. Bereits 1936 änderte sich das, denn nun kam ein wassergekühlter „lebendiger und bergfreudiger“ Vierzylinder-Motor mit 24 PS unter die Haube. 1937 wurde die Bezeichnung Rekord durch „Goliath 1 to.“ ersetzt. Per Erlass der nationalsozialistischen Regierung wurden sogenannte „Fantasienamen“ für Nutzfahrzeuge verboten und mussten durch Zahlen- und Buchstabenkombinationen ersetzt werden, die sich auf die Nutzlast bezogen. Die Maßnahme diente der Kriegsvorbereitung, denn im Ernstfall kam es auf eine eindeutige Nomenklatur an, so die Überlegung der verantwortlichen Behörden.




1936 mutierte das Unternehmen zur Aktiengesellschaft, das „und“ im Namen fiel weg, die Firma nannte sich nun Hansa-Lloyd-Goliath-Werke A.G. Allerdings hielt dieses Konstrukt nur ein Jahr lang. Im September 1937 schied der Miteigentümer Wilhelm Tecklenborg mit einer Abfindung von vier Millionen Reichsmark aus der Firma aus. Seine ursprüngliche Einlage im Jahr 1925 hatte 10.000 Reichsmark betragen. Borgward war nun alleiniger Eigentümer des Unternehmens, das fortan Hansa-Lloyd-Goliath-Werke Carl F. W. Borgward hieß.
Die letzten Neuerscheinungen der Goliath-Werke vor dem Zweiten Weltkrieg waren 1938 die äußerlich baugleichen Dreirad-Lieferwagen FW 200 und FW 400. Ihre wassergekühlten Ein- und Zweizylinder-Motoren mit 6,5 und 13 PS waren nicht mehr unter der Sitzbank eingebaut, sondern unter der Haube, die nun eine Kühlermaske aufwies. Noch im selben Jahr musste die Produktion jedoch eingestellt werden, da der Schell-Plan der Regierung rigorose Typenbeschränkungen für alle deutschen Kraftfahrzeughersteller vorsah. Die Produktion von Dreiradfahrzeugen war für den bevorstehenden Krieg irrelevant.
